


Zur Rolle von Geschichtspolitik für die Erzeugung von Feindbildern
Verfasser: Peter Wahl, Publizist mit Schwerpunkt Internationale Beziehungen, Mitbegründer von Attac Deutschland; Dr. Detlef Bimboes, Mitglied im Gesprächskreis Frieden und Sicherheitspolitik der Rosa Luxemburg Stiftung in Berlin, Arbeiten zu Ostseegeschichte und Energieversorgung
Teil I
Kernpunkte
Einleitung
Geschichtspolitik vielgestaltig und widersprüchlich
Teil II
Estland 42-mal in 1000 Jahren von Russland angegriffen? – Fake statt Fakten
Systematische Unterwerfung der Esten - zuerst durch Dänen, Schweden und Deutsche
Russische Westerweiterung
Napoleons Feldzug nach Moskau und die polnisch-russische Erbfeindschaft
Polnische Osterweiterung unter Pilsudski
Teil III
Die postrevolutionäre Außenpolitik der UdSSR zur Überwindung der Isolation
Das Scheitern einer Anti-Hitler-Koalition mit den Westmächten 1939
Zur Logik von Geschichtspolitik
Schlussbemerkung
Kernpunkte
Geschichtspolitik tritt in vielfältigen Formen auf. Sie kann als nationaler Gründungsmythos eine vergleichsweise harmlose Variante annehmen. Problematisch wird es meist, wenn Geschichtspolitik das Bild anderer Völker und Länder zeichnet, vor allem dann, wenn es dabei Konflikte und Krieg gab oder gibt. In auf Dauer gestellten Konflikten wird Geschichte zur Waffe für psychologische und kognitive Kriegführung. Gerade im akuten Konflikt mit Russland und der existentiellen Bedeutung von Krieg und Frieden ist das ein großes Problem. Deshalb ist ein nüchterner, unparteiischer Blick auf Geschichte notwendig. Vor diesem Hintergrund werden einige historische Perioden in der Geschichte Estlands, Polens und Russlands skizziert, an denen wesentliche Elemente der Funktionsweise von Geschichtspolitik sichtbar werden. Der Beitrag versucht deutlich zu machen, dass Geschichtspolitik eine ideologische Konstruktion ist, die in Konfliktsituationen dazu benutzt wird, Spannungen anzuheizen und Kriegsbereitschaft in den eigenen Reihen zu fördern.
Einleitung
„Ein russischer Angriff ist jederzeit möglich. Da sind wir nicht blauäugig. In den letzten tausend Jahren wurden wir 42-mal von Russland angegriffen – im Schnitt alle 25 Jahre.“ So im Juni 2025 der estnische EU-Abgeordnete (MdEP) Riho Terras, Christdemokrat und ehem. Generalstabschef Estlands.[1]
Wir haben es hier mit einem klassischen Beispiel von nationalistischer Geschichtspolitik im Dienste von Feindbildproduktion zu tun. Geschichtspolitik ist, anders als seriöse, wissenschaftlicher Wahrheit verpflichtete Geschichtsschreibung, der Versuch, Geschichte gegenwärtigen Interessen dienstbar zu machen. Vergangenheit wird so politisiert und ideologisiert. Dafür gibt es viele Instrumente, von Denkmälern, Straßennamen, Gedenkstätten, Fahnen, Museen über Lehrpläne, Institute, Medien und andere Einrichtungen der ideologischen Apparate, über Literatur, Theaterstücke, Opern und bildender Kunst bis hin zu zur akademischen Geschichtsschreibung. Es entstehen nationale Mythen. Wenn eine bestimmte geschichtspolitische Orientierung hegemonial ist, fällt den meisten, die in ihr leben, dies gar nicht mehr als Hegemonie auf. Sie glauben das sei das Normale, Vernünftige quasi Natürliche. Kehrseite ist die Eliminierung entsprechender Symbole einer anderen Lesart der Geschichte.
Geschichtspolitik gab und gibt es zu allen Zeiten und überall auf der Welt. In Zeiten von internationalen Konflikten, Spannungen und Krieg, wie wir sie gegenwärtig erleben, hat sie Hochkonjunktur und bekommt enormes politisches Gewicht. So wimmelt es im Konflikt mit Russland geradezu von ähnlichen Behauptungen wie die unseres estnischen MdEP und Ex-Generalstabschef. Geradezu berüchtigt ist seine Landsmännin Kaja Kallas, ehemalige Ministerpräsidentin und derzeit EU-Außenbeauftragte, die regelmäßig durch russophoben Fanatismus auffällt.
Natürlich könnte man auch den deutschen Kanzler heranziehen, oder seinen Außenminister Wadephul, der meint „Russland wird immer ein Feind für uns bleiben“,[2] und viele andere. Allerdings erhebt die politische Klasse Estlands - ähnlich wie die anderen baltischen Staaten und Polens - den Anspruch, aufgrund historischer Erfahrung und geographischer Lage, die russische Politik besser einschätzen zu können als andere. Das kann sich zu einer dünkelhaften Selbstüberschätzung steigern, wenn es etwa in der estnischen Tageszeitung Neatkariga Rita Avize - von der FAZ kritiklos in der Rubrik ‚Stimmen der Anderen’ zitiert - heißt: „So schwer es auch sein mag, es zuzugeben, aber es ist der Moment der Wahrheit gekommen, in dem Europa die Überlegenheit seiner Zivilisation über die primitive Ordnung des Dschungels beweisen muss.“ [3] Ein klarer Fall von Euro-Chauvinismus.
Vor diesem Hintergrund liegt in diesem Text der Fokus auf Estland und Polen. Dabei kann allerdings der Hitler-Stalin-Pakt aufgrund seiner verhängnisvollen Bedeutung für die baltischen Staaten und Polen und der bis heute dazu anhaltenden Debatten nicht ausgeklammert bleiben. Deshalb wird auf den Pakt und seine Vorgeschichte etwas ausführlicher eingegangen.
Geschichtspolitik vielgestaltig und widersprüchlich
Geschichtspolitik tritt in vielfältigen Formen auf. Sie kann als nationaler Gründungsmythos eine identitätsbildende Funktion für den inneren Zusammenhalt eines Gemeinwesens haben, was eine vergleichsweise harmlose Variante ist - vorausgesetzt sie geht nicht mit einer Überlegenheitsideologie einher. Problematisch wird es meist, wenn Geschichtspolitik das Bild anderer Völker und Länder zeichnet, vor allem wenn es dabei Konflikt und Krieg gab oder gibt.
Das Bild muss dabei nicht immer negativ sein. So haben z.B. die Westdeutschen nach 1945 ein positives Bild von den USA entwickelt, das aber jetzt interessanterweise dabei ist, sich rapide ins Gegenteil zu verwandeln. Generell aber ist geschichtspolitische Wahrnehmung anderer Länder selektiv und voller Klischees. Im Fall von realen zwischenstaatlichen Konflikten entwickelt sie sich leicht zum Feindbild, in dem das Fremde dämonisiert und das Eigene idealisiert wird. Ein prominentes Beispiel ist die deutsch-französische Erbfeindschaft, die seit den napoleonischen Kriegen über den deutsch französischen Krieg 1870/71 und die beiden Weltkriege auf beiden Seiten als wesentlicher Teil der damaligen Herrschaftsideologie eine verhängnisvolle Rolle auf beiden Seiten spielte.
In solchen auf Dauer gestellten Konflikten wird Geschichte zur Waffe für psychologische und kognitive Kriegführung. Die Grenzen zwischen wissenschaftlich-seriöser Analyse der Geschichte und Geschichtspolitik verschwimmen dann leicht, weil die akademische Historiographie sich in den Dienst der Außenpolitik des jeweiligen Landes stellen lässt. Ein typisches Beispiel findet sich in der deutschen Osteuropaforschung, die als Politikberatung schon der imperialistischen Außenpolitik des wilhelminischen Deutschlands und dann den Nazis diente. Das setzte sich leicht modifiziert im Kalten Krieg in Westdeutschland fort und zeigt sich gegenwärtig wieder, wenn Historiker zu Kriegstreibern werden, wie z.B. Schulze-Wessel, ein führender Repräsentant der Disziplin, der im Ukrainekrieg zur Lieferung von Taurus-Raketen auffordert und glaubt „die Europäer“ könnten durch eine solche Eskalation „der Ukraine zum Sieg zu verhelfen, das heißt, zur Rückeroberung ihrer Territorien.“[4] Geschichtsforschung hat zwar eigentlich die Vergangenheit zum Gegenstand, hier aber wird sie zu militaristischer Politikberatung für die Gegenwart.
Die Verfestigung von Feindbildern wird durch institutionelle Verankerung nicht nur in der Politik, sondern auch in Medien, im Bildungswesen und bis in die Künste hinein abgesichert und sickert so ins Alltagsbewusstsein ein. Auf Dauer gestellt verselbständigt sie sich und wird zum Common sense. Typisch dafür die Äußerung von Außenminister Wadephul einige Wochen vor seiner Ernennung, Russland werde „immer ein Feind und eine Gefahr für unsere europäische Sicherheit sein“.[5]
Feindbilder werden so zum materiellen, geschichtsmächtigen Faktor. Die Rechtfertigung von Konfrontation und feindseliger Politik durch das Feindbild wird Teil eines sich selbst bestätigenden und verstärkenden Rückkopplungsprozesses und wirkt so als Treiber für die Fortsetzung oder Verschärfung von Konfrontation. Das Feindbild kann dann in krisenhaften Zuspitzungen von Regierungen und Medien abgerufen werden, um in der Bevölkerung Loyalität zur Regierung oder gar Kriegstüchtigkeit zu erzeugen.
[1] Terras, Riho: „Wenn die Russen kommen, schiesst in Estland jeder Baum“, Interview mit Lara Lattek, aktualisiert am 17.06.2025, in: https://www.gmx.ch/magazine/politik/russland-krieg-ukraine/riho-terras-russen-schiesst-estland-baum-41083006; abgerufen: 23.06.2025
[2] Berliner Zeitung, 29.4.2025
[3] FAZ, 2.6.2022, S. 2
[4] So der Osteuropa-Historiker an der Uni München, Martin Schulze-Wessel, in der FAZ, 5.2.2024, S. 6. Von 2012 bis 2016 war Schulze-Wessel Vorsitzender des deutschen Historikerverbands.
[5] Die Welt, 5.2.2025. https://www.welt.de/politik/ausland/article255346476/Gespraech-ueber-Taurus-CDU-Politiker-geht-Fake-Anrufern-auf-den-Leim.html
Seit mehreren Jahrzehnten ist der menschengemachte Klimawandel eines der zentralen globalen Probleme. Dennoch nimmt paradoxerweise der Skeptizismus gegenüber dieser wissenschaftlich gut belegten Tatsache in Teilen der Gesellschaft wieder zu. Dieser Text rekonstruiert die zentralen Argumente des Vortrags von Dr. Helmut Selinger, den er am 19. November 2025 in München gehalten hat. Der Text verbindet naturwissenschaftliche Erkenntnisse, politische Erfahrungen und gesellschaftstheoretische Überlegungen zu einer umfassenden Analyse der Klimakrise – sowie möglicher Auswege.
Klimawandel-Skeptizismus tritt in unterschiedlichen Formen auf. Er reicht von offener Leugnung bis hin zu subtileren Formen der Relativierung. Prominente Beispiele finden sich im rechtspopulistischen und neoliberalen Spektrum, etwa bei Donald Trump oder der AfD. Trump bezeichnete den Klimawandel bereits 2012 als chinesische Erfindung zur Schwächung der US-Wirtschaft und sprach 2025 erneut vom „größten Schwindel aller Zeiten“.
Solche Positionen entstehen nicht zufällig. Sie sind eng mit den Interessen fossilistischer Konzerne verbunden, die gezielt eine breite klimaskeptische Szene finanzieren. Pseudowissenschaftliche Institute wie das EIKE werden dabei als scheinbar seriöse Quellen genutzt, um Zweifel an der Klimaforschung zu säen.
Die Leugnung des menschengemachten Klimawandels ist aus gesellschaftlicher Perspektive hochproblematisch. Sie untergräbt wissenschaftliche Erkenntnisse und blockiert notwendige politische Maßnahmen. Während eine kritische Diskussion über konkrete Klimaschutzmaßnahmen legitim und notwendig ist, stellt die grundsätzliche Infragestellung der Klimawissenschaft eine Form von Verantwortungslosigkeit dar.
Bereits seit den 1980er Jahren wird intensiv erforscht, welchen Anteil menschliche Aktivitäten an der globalen Erwärmung haben. Mit dem ersten Bericht des Weltklimarats (IPCC) im Jahr 1990 wurde diese Frage eindeutig beantwortet: Die Hauptursache der globalen Erwärmung sind die vom Menschen verursachten Treibhausgasemissionen.
Seitdem haben zehntausende wissenschaftliche Studien diese Erkenntnis weiter untermauert. In sechs IPCC-Sachstandsberichten wurden die Ergebnisse regelmäßig zusammengefasst – mit einem klaren Trend: Die frühen Warnungen haben sich bestätigt, teils sogar als zu optimistisch erwiesen. Der Anstieg der globalen Durchschnittstemperatur seit dem vorindustriellen Zeitalter ist unübersehbar.
Die Folgen des Klimawandels sind bereits heute weltweit sichtbar: zunehmende Dürreperioden, ausgedehnte Waldbrände, häufigere und intensivere Hitzewellen, Starkregenereignisse mit Überschwemmungen, zerstörerische tropische Stürme sowie massive Verluste an Biodiversität. Hinzu kommen die Versauerung der Ozeane, das beschleunigte Abschmelzen der Polkappen und der Anstieg des Meeresspiegels. Besonders besorgniserregend ist die Gefahr, sogenannte Kipppunkte im Klimasystem zu überschreiten, nach denen sich Prozesse nicht mehr umkehren lassen.
Obwohl das Problem des menschengemachten Klimawandels seit über 35 Jahren politisch anerkannt ist, fällt die Bilanz der internationalen Klimapolitik ernüchternd aus. Seit Mitte der 1990er Jahre fanden nahezu jährlich große UN-Klimakonferenzen statt – von Kyoto über Paris bis zuletzt Belém im Jahr 2025. Trotz dieser Vielzahl an Gipfeln, Abkommen und politischen Selbstverpflichtungen sind die globalen Treibhausgasemissionen kontinuierlich weiter angestiegen. Dies macht deutlich, dass die bisherigen klimapolitischen Ansätze weder in ihrer Zielsetzung noch in ihrer Umsetzung ausreichend waren, um der Dynamik der Klimakrise wirksam zu begegnen.
Die Ursachen dieses Scheiterns liegen nicht allein im fehlendem politischen Willen einzelner Staaten, sondern in den strukturellen Rahmenbedingungen, innerhalb derer Klimapolitik heute stattfindet. Eine wirksame Klimastrategie würde voraussetzen, dass in allen Ländern ambitionierte Maßnahmen zur drastischen Reduktion von Treibhausgasemissionen ergriffen werden. Darüber hinaus müsste die internationale Klimapolitik konsequent am Prinzip der globalen Klimagerechtigkeit ausgerichtet sein. Denn ein zentraler Widerspruch der Klimakrise besteht darin, dass jene Länder des globalen Südens, die historisch am wenigsten zur Erderwärmung beigetragen haben, heute oft am stärksten von ihren Folgen betroffen sind. Ein gerechter Ausgleich zwischen globalem Norden und Süden – etwa durch finanzielle Transfers, Technologietransfer und die Anerkennung von Klimaschulden – wäre daher unabdingbar.
An diesem Punkt stößt die bisherige Klimapolitik jedoch an eine grundlegende Grenze: Sie bewegt sich fast ausschließlich innerhalb der Logik des kapitalistischen Wirtschaftssystems. Jenseits parteipolitischer Differenzen stellt sich deshalb die grundsätzliche Frage, ob der Kapitalismus mit ökologischer Nachhaltigkeit überhaupt vereinbar ist. Der Kapitalismus ist strukturell auf permanentes Wirtschaftswachstum, Profitmaximierung und Konkurrenz angewiesen. In Situationen, in denen ökologische Erfordernisse mit ökonomischen Interessen kollidieren, setzt sich in der Regel der Profit durch – nicht der Umwelt- oder Klimaschutz.
Versuche, diese strukturelle Spannung durch eine „grüne“ Modernisierung des Kapitalismus aufzulösen, etwa in Form eines Green New Deal oder klima-keynesianischer Investitionsprogramme, beruhen auf der Annahme, dass sich Wirtschaftswachstum dauerhaft von Umweltbelastung und CO₂-Emissionen entkoppeln lasse. Empirisch lässt sich eine solche Entkopplung jedoch bislang nicht belegen, insbesondere wenn langfristige Effekte und Rebound-Effekte berücksichtigt werden. Effizienzgewinne werden häufig durch steigenden Konsum wieder aufgehoben, sodass der ökologische Gesamteffekt begrenzt bleibt.
Eine wirksame und nachhaltige Lösung der Klimakrise würde daher eine grundlegende Transformation des Wirtschaftsmodells erfordern. Für die Länder des globalen Nordens bedeutet dies eine bewusste Reduktion von Produktion und Konsum auf ein ökologisch tragfähiges Niveau, während es im globalen Süden zunächst darum geht, die materiellen Voraussetzungen für ein gutes, menschenwürdiges Leben zu sichern. Diese unterschiedliche Ausgangslage macht deutlich, dass Klimaschutz ohne globale Gerechtigkeit nicht möglich ist. Gleichzeitig zeigt die bisherige Erfahrung, dass ein solcher Ausgleich innerhalb des kapitalistischen Systems kaum realisierbar erscheint, da dieses auf Wachstum, Externalisierung und Ungleichheit angewiesen ist.
Die Klimakrise erweist sich damit nicht nur als ökologische, sondern als zutiefst systemische Krise. Sie stellt die bestehende Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung grundsätzlich in Frage und macht deutlich, dass effektiver Klimaschutz, soziale Gerechtigkeit und wirtschaftliche Organisation untrennbar miteinander verbunden sind.
Angesichts der ökologischen Zuspitzung der Klimakrise gewinnt eine grundlegende theoretische Neubewertung kapitalismuskritischer Ansätze an Bedeutung. In diesem Zusammenhang rückt insbesondere eine ökologische Relektüre des Marxismus in den Fokus. Der japanische Philosoph Kohei Saito hat gezeigt, dass Karl Marx in seinen späten Lebensjahren ökologische Fragen intensiv studierte und seine Kritik des Kapitalismus weiterentwickelte. Marx erkannte zunehmend, dass die Zerstörung der natürlichen Lebensgrundlagen neben der Ausbeutung der Arbeitskraft einen zentralen inneren Widerspruch der kapitalistischen Produktionsweise darstellt.
Aus dieser Perspektive interpretiert Saito den späten Marx als Vordenker eines sogenannten Degrowth-Kommunismus. Gemeint ist eine Gesellschaftsform, die sich bewusst vom Wachstumszwang löst und stattdessen auf kollektives Eigentum, ökologische Nachhaltigkeit und demokratische Selbstverwaltung ausgerichtet ist. Diese Vision unterscheidet sich grundlegend von staatssozialistischen Modellen des 20. Jahrhunderts. Sie zielt nicht auf zentralistische Planung, sondern auf eine dezentrale, egalitäre und ökologisch eingebettete Organisation von Wirtschaft und Gesellschaft, in der Produktion und Reproduktion an realen gesellschaftlichen Bedürfnissen orientiert sind.
Der Begriff Degrowth wird dabei ausdrücklich nicht als Verzichtsideologie verstanden, die Armut oder Einschränkung romantisiert. Vielmehr geht es um eine radikale Reduktion ökologisch zerstörerischer, gesellschaftlich überflüssiger Produktion – insbesondere von Luxusgütern, Statussymbolen und ressourcenintensivem Konsum – bei gleichzeitiger Wiedergewinnung eines allgemeinen öffentlichen Reichtums. Historische Gemeingüter, sogenannte Commons, waren keineswegs von Mangel geprägt. Erst durch die kapitalistische Durchsetzung von Privateigentum und Marktlogik wurde gesellschaftlicher Reichtum systematisch in Knappheit und Ungleichheit überführt.
Zentrale Elemente einer solchen postkapitalistischen Perspektive sind die Demokratisierung von Energie, Infrastruktur und Produktion. Bürgerenergie, Genossenschaften, Commons-basierte Produktionsformen und offene Technologien spielen dabei eine Schlüsselrolle. Insbesondere erneuerbare Energien eignen sich aufgrund ihrer dezentralen Struktur für demokratische Kontrolle und kollektive Verwaltung. Langfristig geht es um eine Wirtschaftsweise, in der Gebrauchswerte, soziale Beziehungen, kulturelle Tätigkeiten und freie Zeit wichtiger werden als monetäres Wachstum und Profitmaximierung.
Eine der größten Herausforderungen auf dem Weg zu einer solchen Gesellschaft liegt weniger in technischen oder materiellen Fragen als in der gesellschaftlichen Vorstellungskraft. Es scheint oft leichter, sich das Ende der Welt vorzustellen als das Ende des Kapitalismus. Dennoch existieren weltweit bereits soziale Bewegungen, Gemeinschaften und Netzwerke, die alternative Formen des Wirtschaftens und Zusammenlebens praktisch erproben. Diese Initiativen zeigen, dass andere gesellschaftliche Modelle nicht nur denkbar, sondern bereits ansatzweise real sind – und dass Hoffnung weniger aus abstrakten Entwürfen als aus konkreter kollektiver Praxis entsteht.
Quelle:
Vortragsfolien „Zukünftige Klimakatastrophe – gibt es noch hoffnungsvolle Perspektiven?“ von Dr. Helmut Selinger, 19.11.2025
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